(aus: Schlagzeilen, Ausgabe 110, S. 34f, Charon-Verlag, 06/2010)
Vor etwas mehr als sieben Jahren habe ich in dieser Zeitschrift einen Text mit dem Titel "Der Volkskreuzzug der SMJG" veröffentlicht. Darin habe ich in epischer Breite erklärt, dass ich zwar die Ziele der 'Sadomasochistischen Jugendgruppe' (wie sie damals noch hieß) gut fand, ihre Arbeitsweise jedoch für falsch, kontraproduktiv, gefährlich und sogar selbst-mörderisch hielt. Für die Leute, die gerade Heft 6 nicht zur Hand haben, hier meine düsterste Prophezeiung:
Die SMJG wird ein Stück weit gehen mit ihrem Mut und ihrer Energie, bevor sie ihr eigenes Drakon erleben und von erbosten Eltern, aufgebrahten Jugendschützern und einer sensationslüsternen Presse in Stücke gerissen werden.
Was ist wirklich passiert? Die Liste der SMJG-Stammische passt heute gerade noch in mein Browserfenster, die Gruppe hat Informationsstände auf fast allen großen Veranstaltungen, sie hat mit ihren Treffen und über ihre Website Tausenden, wenn nicht sogar Zehntausenden jungen Sadomasochisten im ganzen deutschsprachrigen Raum geholfen. Und gerade wurde der SMJG die Gemeinnützigkeit verliehen.
Kurz gesagt, die SMJG hat mit ihrem Ansatz einen überwältigenden Erfolg erzielt, von Widerständen aus der Gesellschaft keine Spur. Deus le wohl wirklich volt: Sie hatten Recht und ich Unrecht. Mein Text war, wie die Jungspunde in den es auf Neudeutsch nennen, ein fail, eher sogar ein epic fail. Der Anstand gebietet, dass ich das öffentlich eingestehe und der Gruppe gratuliere.
Nun bin ich einerseits heil froh, mich geirrt zu haben. So ist es natürlich besser. Auf der anderen Seite muss ich mich fragen, wieso ich so komplett daneben liegen konnte - so müssen sich die Manager von Decca Records gefühlt haben, einige Jahre nachdem sie die Beatles mit der Begründung weggeschickt hatten, Gittarren-Gruppen seien "on the way out". Dass ich mit meiner Einschätzung keineswegs alleine dastand, ist dabei nur ein schwacher Trost. Man will weder der erste noch der zwanzigste Verlag sein, der Frank Herbert sagt, kein Mensch werde diesen Quatsch über einen wurmverseuchten Wüstenplaneten lesen.
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Problem eigentlich viel tiefer lag. Dass ich die Reaktion der Gesellschaft auf die SMJG falsch vorhergesagt habe, ist fast trivial im Vergleich zu meiner völligen Fehleinschätzung, wie es mit dem Sadomasochismus allgemein weitergehen würde. Zum Glück habe ich dazu nie einen Text geschrieben, sonst würden wir heute nicht über einen epic fail sprechen, sondern über einen super epic über-fail: Was ich mir nie hätte träumen lassen, ist was das Internet für den Sadomasochismus bedeuten würde. Und das als fleißiger alt.sex.bondage-Leser zumindest der zweiten Stunde.
Denn die quälende Frage für meine Generation lautete, ob wir mit unseren Neigungen alleine sind; heute genügt ein Blick in die Wikipedia. Gut, eigentlich war an einigen Tagen die Frage am wichtigsten, wo man SM-Bilder herbekam; aber auch da muss man jetzt nur bei Google Images safe search abschalten. Andere Sadomasochisten, das waren zuerst die mutigen Leute aus Hamburg, die sich offen ins Fernsehen trauten und später unsere verschworenen Häufchen der Treffen; inzwischen hat "Facebook BDSM" 11.400 Mitglieder und bei der Sklavenzentrale sind in diesem Moment 2.000 Leute eingeloggt. Die Haltung der Gesellschaft, das waren die "PorNO"-Kampagne von Alice Schwarzer und ihr Wolfsrudel von zensurgeilen Bundespolitikerinnen oder Arte mit ihren sadophoben "Dokumentationen"; heute sparen sich Presse und Politik ihre Hysterie für CounterStrike auf. Bondage und SM sind faktisch Mainstream.
Tatsächlich haben wir - habe auch ich - auf diesen Zustand hingearbeitet. Wir haben Texte geschrieben (immerhin schon mit so genannten Textverarbeitungsprogrammen), gedruckt und verteilt. Auf Papier. Irgendwo in einer Kiste habe ich noch eine der ersten Karten der Gruppen in Deutschland, mühsam mit Schere und Klebstoff erstellt und dann im Copy-Shop verhundertfacht. Die Situation wurde auch besser. Aber alles war mühsam, alles ging langsam voran. Die Vorstellung, dass die heutigen, im Vergleich nur paradiesisch zu nennenden Zustände noch zu unseren Lebzeiten eintreten würden, war für mich albern. Der Untergang des Kommunismus? Sicher. Friede mit den Klingonen? Vielleicht. Problemloser Kontakt zu anderen Sadomasochisten? Wohl kaum.
Dass die SMJG mit ihrem Ansatz durchkommen würden, konnte ich nicht glauben. Eine feine Sache, eine edle Sache, aber was für ein Risiko! Und daher muss ich leider sagen: Ich würde mich wieder so entscheiden. Falsch entscheiden, wie sich herausgestellt hat.
Nicht alle in meinem Alter haben diese Bedenken geteilt. So einfach ist das natürlich auch nicht. Viele haben vom ersten Moment an die SMJG unterstützt und können sich heute Internet-gerecht mit einem ITYS (I told you so) schmücken. Das haben sie sich auch verdient. Aber für mich ist es schon bezeichnend, dass die SMJG von Teenagern gegründet wurde, die die böse alte Zeit nicht miterlebt haben, die keine Schere im Kopf hatten und offensichtlich ein besseres Gespür dafür mitbrachten, wie sich die Dinge weiterentwickeln würden.
Und so bleibt mir am Ende nur zu sagen: Es ist gut, dass es junge Leute gibt, die Gelegenheiten sehen, wo andere das Risiko fürchten, und die unbeirrt diesen Weg gehen und die nicht auf irgendwelche alten Bedenkenträger hören. Nur sagt das bitte meinen Kindern nicht.
Wolf Deunan Mai 2010
in: Schlagzeilen, Ausgabe 110, S. 34f, Charon-Verlag 06/2010